Harry Kramer in Kassel – Wie im Atelier Kramer mit Pappmaché gearbeitet wurde

Das documenta archiv beherbergt unter anderem auch den Nachlass vom Kasseler Künstler, Hochschulprofessor und Friseur Harry Kramer. In einem Vortrag berichtet Restauratorin Arlett Sauermann über ein Fotoalbum, das als Schenkung ins Archiv kam und dort restauriert wurde.

 

Das vorliegende Album war ein Geschenk von „Elisabeth“ an Harry Kramer. Die Portraitaufnahmen zeigen ausschließlich ihn selbst. In der Widmung steht, dass die Fotos während seines Besuches in Porto entstanden sind. Die Häuser, Straßen, der Hafen, das Café sind folglich während des Spazierens durch die Stadt aufgenommen worden.

Das Fotoalbum kam mit einer zweiten Schenkung von Helga Kramer 2018 in das documenta archiv. In einer der 5 Kisten lag dieses Album zusammen mit großformatigen Foliendrucken. Da der Zustand des Albums nicht einwandfrei war, wurde es vom Bestand separiert und in der Restaurierungswerkstatt begutachtet.

Durch die Zustandserfassung konnte eine Aussage zum Schaden getroffen werden. Ein unentdeckter zurückliegender Wassereintrag von der Kopfseite des Albums her, führte zum einem Schimmelwachstum im Album und zur Deformation des gesamten Albums. Außerdem klebten in der Folge einige Fotos aufeinander. Beim Blättern durch das Album entstanden so bereits weitere Schäden, durch Einreißen der Seiten. Der Schimmel konnte schnell identifiziert werden auch ohne Beprobung in einer Petrischale. Die Regenbogenfarben des Puders auf den Seiten und die Verfärbungen in der Gelatineschicht der Aufnahmen deuten auf Aspergillus Versicolor hin, der trivial auch „Gießkannenschimmel“ heißt. Dieser ist ein klassischer Schimmel, der auf Papier zu finden ist, da er sich von Cellulose, Weizenstärke und Proteinleim ernährt.

 

Ein solcher Schimmelschaden, auch wenn er trocken und damit vorerst im „Pausemodus“ ist, sollte wenn irgend möglich vom restlichen Bestand separiert werden. Es muss abgewägt werden, ob das kontaminierte Archivgut erhalten bleiben muss oder ob es nach eingehender rechtlicher Prüfung durch die Archivleitung kassiert werden kann. Denn jeder Schimmel, auch wenn er noch so gut trocken gereinigt wurde, bricht bei der kleinsten Klimaschwankung wieder aus.

 

Da das Album ein Geschenk an Kramer war und nicht von ihm selbst geschaffen wurde, wurde entschieden, dass das Album an sich den Erhalt nicht rechtfertigt und sollte demnach nach Entfernung der Fotografien entsorgt werden. Deshalb konnten nach einer Trockenreinigung mittels Staubsauger der Klasse H und einem Latexschwamm, alle Fotos abgenommen werden. Die Rückstände von Kleber und anhaftender Reste vom Fotokarton entfernte das Skalpell, der Spatel und zum Teil ein Ethanol/Wassergemisch. Mit dem Wattestäbchen und dem Lösemittel konnte ein sauberer Abtrag abgeschlossen werden. Die aneinanderklebenden Fotos lösten sich im Wasserbad und kamen dann im Hart-Weich-Sandwich unter Gewichten zur Glättung.

Für die Aufbewahrung und Nutzung der Fotografien werden diese in archivgerechte PE-Folien verpackt. Um die ursprüngliche Anordnung der Albumseiten zu erhalten, helfen die jeweiligen A4 Farbausdrucke einer abfotografierten Albumseite dabei, die Fotos voneinander zu trennen. Außerdem wird bei der Verzeichnung in der Archivsoftware ActaPro die vollständige Restaurierungsdokumentation mit hochgeladen und hält den Zustand vor und nach der Restaurierung bzw. Kassation fest.

 

Arlett Sauermann, documenta archiv

 

Sound: Gotama – Inner Sanctuary from https://freemusicarchive.org/search/?quicksearch=inner+sanctuary

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Um die Kommentarfunktion nutzen zu können, müssen Sie angemeldet sein.